1918 - 1945

Die Zeit nach der November-Revolution von 1918 in Deutschland war gekennzeichnet durch einen  breiten Aufschwung demokratischer Kräfte. Auch innerhalb der Volksschullehrerschaft gab es eine starke Strömung mit demokratischen Forderungen. Viele davon wurden in die Weimarer Verfassung vom Juli 1919 aufgenommen: Eine gemeinsame Grundschule für alle, erstmals eine allgemeine Schulpflicht  bis zum 18.Lebensjahr, einheitliche akademische Lehrerbildung auch für Volksschullehrer, Einführung der politischen Bildung, sowie Erziehung im Geiste der Völkerversöhnung. Eine strikte Trennung von Staat und Kirche war nicht vorgesehen, die Arbeit konfessionell gebundener Schulen wurde den Städten und Gemeinden überlassen.

Im Zuge der demokratischen Umgestaltung wurde am Stephaneum ein staatlich geförderter Elternbeirat gegründet, an dessen Sitzungen der Schuldirektor und auch einige Lehrer  teilnahmen. In den  30er Jahren ist dann vom Elternbeirat nicht mehr die Rede. Zwar wurde kein Schülerrat eingerichtet, jedoch die Zusammenarbeit mit den Vertrauensmännern der einzelnen Klassen zunächst fortgeführt. Infolge der Not nach dem 1. Weltkrieg konnten viele Familien nicht die geforderten Schulbücher kaufen. So wurde am Stephaneum eine Hilfsbibliothek eingerichtet mit nicht mehr benötigten Schulbüchern von Absolventen.

Das Stephaneum als humanistisches Gymnasium war schon zwischen 1909 und 1911 auf Beschluss der Ascherslebener Stadtverordnetenversammlung in ein Reform- bzw. später Reformrealgymnasium umgewandelt worden, damit die Schüler besser auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet werden konnten. Bei weitem nicht alle Schüler nahmen ein Studium auf und schlugen dann eine akademische Laufbahn ein. Viele gingen in mittlere Berufe: Lehrstellen in Handel, Industrie und Handwerk, Arbeit in Behörden und Institutionen, Landwirtschaft. Sie brauchten hierfür weniger Latein und Religion als Naturwissenschaften, Mathematik  und Deutsch.

Eine Statistik der sozialen Schichtung  aus dem Jahr 1930  zeigt: Von den Eltern der  rund 430 Schüler des Stephaneums  waren

  • 6,7% Industrielle, Großlandwirte, und Bankiers,
  • 9,5% Akademiker in freien Berufen, Angestellte in gehobener Stellung,
  • 4,2% höhere Beamte,
  • 30,1% mittlere Beamte und Volksschullehrer,
  • 25,6% Handwerksmeister, selbständige Kaufleute, kleine Bauern,
  • 17% Arbeiter, Unterbeamte, unselbständige Handwerker und Kaufleute,
  • 6,9% Witwen und Langzeitarbeitslose.

Das Stephaneum als Reformrealgymnasium hatte 1925 folgende Fächer in der  allgemein verbindlichen Stundentafel: Religion, Deutsch, Latein, erste neuere Fremdsprache , zweite neuere Fremdsprache, Geschichte (Staatsbürgerkunde), Erdkunde, Mathematik, Naturwissenschaften, Zeichnen, Singen. Hinzu kamen Leibesübungen, Musikpflege und freie Arbeitsgemeinschaften. Im Jahr 1927 besuchten 403 Schüler das Stephaneum; davon waren 161 Auswärtige und hiervon 119 Fahrschüler.

Das Stephaneum war nach wie vor konfessionell gebunden. Bis etwa 1934 wurde jeder Schultag zentral durch eine christliche Andacht eingeleitet mit Gebeten, Chorälen und einer kurzen Ansprache. Die Teilnahme war obligatorisch und wurde streng kontrolliert. Ab 1934 fand diese christliche Morgenandacht nur noch einmal wöchentlich statt. Sie wurde etwa ab 1938 ganz eingestellt. Danach gab es montags vor Schulbeginn eine eher deutsch-national bzw. nationalsozialistisch orientierte Morgenfeier, doch wurde deren Dauer bald auf zehn  Minuten beschränkt, um nicht zu viel Unterrichtszeit aufzugeben. Der Religionsunterricht wurde jedoch erstaunlicherweise bis etwa 1943 fortgeführt

Nach ihrer Machtergreifung im Jahre 1933 setzten die Nationalsozialisten alles daran, ihre Ziele durchzusetzen. Mit dem Buch AEUR?Mein KampfAEURoe hatte Hitler die Richtung vorgegeben: Sozial-biologische Unterscheidung der Menschen nach ihrer rassischen Herkunft in wertvolle und minderwertige Rassen; auf dem Führer-Gefolgschaftsprinzip beruhende Volksordnung; Anspruch des Herrenvolkes (arische Rasse) auf Lebensraum. Zur Realisierung dieser Ziele inszenierte das nationalsozialistische Regime den 2. Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen:  Rund 50 Millionen Tote, Ermordung von rund 5 Millionen Juden, Vertreibung von Millionen Menschen aus ihrer Heimat, Verlust großer deutscher Gebiete und ungeheure materielle Kriegsschäden.

In der Weimarer Republik entwickelten sich sehr unterschiedliche Arten höherer Lehranstalten. Unter dem Nationalsozialismus fand eine Vereinheitlichung statt: Neben einigen wenigen humanistischen Gymnasium und einigen Aufbauschulen gab es nur noch die einheitliche Oberschule.

Am Stephaneum  als städtischer Oberschule wurde besonders der Inhalt der Fächer Geschichte, Deutsch und Biologie im Sinne der NS-Ideologie verändert. Das Fach AEUR?RassenkundeAEURoe wurde in den Oberklassen neu eingeführt, die Rassenlehre aber später im Geschichtsunterricht mit behandelt. Im Vordergrund stand die Durchsetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung: Die Schule sollte die Jugend zu rassebewussten Volksgenossen in der deutschen Volksgemeinschaft erziehen und ihren Körper stählen. Der Charakterbildung wurde viel Wert beigemessen: Eigenschaften wie Ehre, Treue, Wahrhaftigkeit, Gemeinschaftssinn, Opferwilligkeit sollten entwickelt werden. Idealbild war der kämpferische deutsche Mann. Der Unterricht in gemischten Klassen mit Jungen und Mädchen (Koedukation) war nicht erwünscht, allerdings wurden bis in die 40er Jahre einzelne Mädchen und Mädchenklassen in das Stephaneum aufgenommen. Von 1922 bis 1938 gab es 80 Schülerinnen, von denen 47 die Reifeprüfung bestanden.

Die wissenschaftliche Erziehung spielte eine untergeordnete Rolle.
Fast jeder Schüler war Mitglied der Hitlerjugend und hatte ein- bis zweimal in der Woche zum Dienst zu erscheinen. Die Kinder von Juden und Halbjuden wurden nicht in die NS-Jugendorganisation aufgenommen. Im Jahre 1936 mussten auch die bislang üblichen Schülermützen mit unterschiedlichen Farben für die einzelnen Klassenstufen aufgegeben werden.

Auf die körperliche Ertüchtigung  wurde im Schulunterricht  weiterhin besonderer Wert gelegt. Ihr wurde schon zur Zeit der Weimarer Republik viel Bedeutung beigemessen. Sie spielte auch im HJ-Dienst eine große Rolle: Es gab Sportfeste, Geländespiele, Zeltlager, Wanderungen und vormilitärischen Drill.  Die Zielsetzung wurde noch deutlicher bei der Teilnahme an sog.

Wehrertüchtigungslagern.  1935 wurde ein zweijähriger Wehrdienst eingeführt, dem ein halbjähriger Arbeitsdienst vorausging. Dies alles diente der Kriegsvorbereitung. Im Sommer 1933 wurde das Fach "Wehrsport" eingeführt.
Anstelle der bisherigen neun gab es ab 1937 am Stephaneum acht Schuljahre. Der neue "vaterländische Geist" kam auch in Fahnenappellen zum Ferienbeginn und Ferienende zum Ausdruck. Zur Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin wurde von der Körperstrafe zumeist in Form von Ohrfeigen Gebrauch gemacht, aber nicht von allen Lehrern. An der Stephanischule wurden übrigens AEUR?Zucht und OrdnungAEURoe auch mit Hilfe des Rohrstocks aufrechterhalten. Körperstrafen wurden nach 1945 verboten, Lehrer, die dennoch davon Gebrauch machten, bestraft.

Nach allem, was bekannt wurde, behandelte die eher deutsch-national und humanistisch eingestellte Lehrerschaft des Stephaneums zwar pflichtgemäß die neuen Lehren, achtete jedoch zumeist auf sachliche Einschätzungen und Einordnungen. Nur wenige Lehrer waren überzeugte Nationalsozialisten.
Mit Beginn des 2. Weltkriegs im September 1939 wurden alle jüngeren wehrfähigen Lehrer zum Wehrdienst eingezogen und durch bereits emeritierte ältere Kräfte ersetzt. In den letzten Kriegsjahren gab es erhebliche Beeinträchtigungen des Unterrichts. Infolge von Arbeitseinsätzen in der Landwirtschaft und von häufigem Fliegeralarm gab es viel Unterrichtsausfall. Gegen Kriegsende musste der Unterricht in den oberen Stockwerken der Schule durchgeführt werden, weil die Räume im Erdgeschoss für Flüchtlingsfamilien benötigt wurden. Eine größere Anzahl von Schülern der älteren Jahrgänge wurde zum Wehrdienst eingezogen und musste in den Krieg ziehen. Die 1901 ins Leben gerufenen AEUR?Losen BlätterAEURoe des Verbandes ehemaliger Stephaneer hielten während des Krieges eine Verbindung zu den im Felde stehenden ehemaligen Schülern der traditionsreichen Schule  aufrecht.

Im 1. Weltkrieg waren 144 ehemalige Schüler des Stephaneums gefallen, im 2. Weltkrieg  fielen mehr als dreihundert.

Die Überlebenden gerieten in Gefangenschaft und hatten nach ihrer Entlassung nach Kriegsende große Schwierigkeiten bei der Fortsetzung ihres Schulbesuches. Aufgrund des von den Alliierten intensivierten Bombenkrieges und fehlender Bedienungsmann schaften für die Luftabwehr wurden zunächst die Jahrgänge 1926/27, später auch 1928 der höheren Schulen für  die Luftabwehr als Flakhelfer bzw. Marinehelfer eingesetzt. Das Stephaneum überstellte in den letzten Kriegsjahren die meisten Schüler der Jahrgänge 1927/28 als Marinehelfer in den Raum Emden. Sie erhielten eine Art Notunterricht, zum Teil sogar von Lehrern des Stephaneums.

Das Ende des 2. Weltkrieges im Mai 1945 war für alle eine Erlösung.