Was soll ich tun? Ethikunterricht am Stephaneum

Ethikunterricht am Stephaneum

Haben Sie Kinder, die zur Schule gehen? Waren Sie womöglich selber mal Kind? Wer hat Ihnen eigentlich beigebracht, was richtig und was falsch ist?

Einige haben vielleicht immer das geglaubt und getan, was man ihnen erzählt hat. Das waren dann die kleinen Streber, die gerne klare Ansagen bekamen, nur aus Berechnung nett waren und heute ihren Nachbarn verklagen, wenn dessen Knallerbsenstrauchzweige 1,0815cm über den Gartenzaun ragen. Die Frage "Was soll ich tun?" ist für solche liebenswerten Zeitgenossen ganz einfach zu beantworten. Sie tun entweder, was alle machen oder, wenn sie gar nicht mehr weiter wissen, rufen sie nach Vater Staat, damit er ihnen sagt, was sie tun sollen.

Ethik befasst sich genau damit: Wie ich die Frage danach, was ich tun soll, möglichst sinnvoll und vor allem selbstständig beantworten kann. Sind Notlügen akzeptabel? Darf man foltern? Was soll Vater Staat tun dürfen, was nicht? Ist Homosexualität unmoralisch? Sollen auch alte Menschen noch teure Operationen bezahlt bekommen? Soll man genetisch manipulierte Pflanzen anbauen dürfen? Ist Abtreibung Mord?

Den Wust möglicher Antworten untersucht die Ethik möglichst ohne Gefühlsduselei durch bohrende Fragen, um den Kern des jeweiligen Problems zu erkennen. Man macht sich systematisch Gedanken darüber, was man für Motive hat, diese Fragen auf die eine oder andere Weise zu beantworten. Hinzu kommt die Überlegung, welche Folgen meine Entscheidung für die Betroffenen hat. Es ist manchmal erstaunlich, wie leicht Leute es sich machen, 70jährigen das Recht auf Transplantationen absprechen zu wollen. Sie wären überrascht, wie gedankenlos Menschen bereit sind, im Interesse der Sicherheit ihre Freiheit aufzugeben.

Jetzt kann man herumjammern und klagen, dass AEUR?die WerteAEURoe immer mehr verfallen, die Jugend immer schlimmer wird und alles auf das Fernsehen und das Internet schieben. Ähnlichen Blödsinn verkündete vor über 2000 Jahren Sokrates. Er war der Ansicht, dass die Schrift, die gerade in Griechenland erfunden wurde, die Jugend verderbe. Stellen Sie sich einmal vor, wenn das stimmen würde, dass früher schon immer alles besser war und die Welt aus Sicht der Erwachsenen immer schlechter wird. Dann müssten wir längst in der Hölle leben. Tun wir aber nicht.

Sie würden sich wundern, wenn Sie wüssten, wie rücksichtsvoll, fleißig und klug viele Schüler sind. Und das, obwohl wir Erwachsenen aus der Mitte der Gesellschaft ihnen ständig vorleben, dass AEUR?eine kleine NotlügeAEURoe nicht so schlimm ist. Ja, wir wissen, wie gefährlich Rechtsextremismus ist und warnen unsere Kinder davor. Aber wir sind zu feige dem netten Nachbarn von nebenan zu sagen, dass er uns so lange gestohlen bleiben kann, wie er seine Einstellung gegenüber Ausländern, Schwulen, Behinderten und Andersgläubigen nicht endlich radikal ändert. Und wir jammern über den Drogenkonsum und nach dem dritten Bier oder fünften Glas Wein verkünden wir der Welt, wie einfach das Problem zu lösen wäre, wenn wir etwas zu sagen hätten.

Und genau darum geht es. Wir wollen Schüler, die etwas zu sagen haben. Unsere Jugend ist besser als ihr Ruf. Sie kommt oft von ganz allein darauf, was richtig und was falsch ist. Sie sollen sich vorstellen können, wie es ist, wenn sie die Leute wären, über die wir urteilen. Wie fühlt es sich an, von anderen moralisch beurteilt zu werden? Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu! Das ist sicher oft anstrengend, mitunter sogar nervig, aber es ist die Sache wert: Längst haben sogar große Unternehmen, Krankenhäuser und auch der Bundestag so genannte Ethikkommissionen eingerichtet. Sie geben Geld dafür aus, damit ihre Entscheidungen umsichtiger getroffen werden. Ethik ist also alles andere als brotlose Kunst.