Am 8. Mai 1945 erfolgte die Kapitulation Deutschlands, der Zweite Weltkrieg war beendet

Aschersleben, 31. März 1945
31.08.1953 - Verleihung des Names "Thomas Müntzer"
Feierstunde an der Thomas-Müntzer-OS - April 1956 v.r.n.l.: Prof. Buhe, Dr. Kühne, Prof. Friedrichs
das Stephaneum 1956

Deutschland wurde in vier Besatzungszonen eingeteilt. Aschersleben befand sich in der sowjetischen Besatzungszone und geriet damit unter kommunistischen Einfluss. Was viele damals als hoffnungsvollen Neuanfang nach der faschistischen Diktatur begrüßten, sollte jedoch erneut zu einer Diktatur, nämlich zur Diktatur des Proletariats, führen. Von Anfang an zeigte das sowjetische Oberkommando besonderes Interesse an der Erziehung der deutschen Jugend. Der Befehl Nr. 40 des Marschalls Shukow enthielt die Anweisung, am 1. Oktober 1945 den Unterricht an den allgemeinbildenden Schulen wieder aufzunehmen. Gemäß diesem Befehl nahm das Stephaneum am 1. Oktober 1945 den Unterricht wieder auf. Da das Gebäude der Schule mit Umsiedlerfamilien belegt war, wurde der Unterricht in der Luisenschule durchgeführt. Alle Lehrer, die vor dem 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten waren, wurden entlassen. An ihre Stelle, so wird berichtet, traten "demokratische Menschen aus der Arbeiterklasse", die einen achtwöchigen Volkslehrerkurs besucht hatten. Auf Anregung der Militärverwaltung wurden am 4. Januar 1946 in allen Teilen des Landes 8-monatige Neulehrerkurse eröffnet. Wir erfahren weiter: "Die Arbeiterparteien KPD u. SPD unterstützten diese Lehrgänge sehr gut und legten damit den Grundstein für eine neue Lehrergeneration."

Für Aschersleben fanden 2 dieser Lehrgänge an der Holzmarktschule statt, mit dem 1. September 1946 nahmen die so ausgebildeten Lehrer ihren Dienst auf. Über die Jahre 1945/46 erfahren wir, dass die Schülerzahl sehr schwankend war, dass viele Unterrichtsstunden ausfielen, dass die Schüler den Unterricht sehr unregelmäßig besuchten, dass ein großer Mangel an Heften, Schulbüchern und Schuhen bestand. Die erste Reifeprüfung nach dem 2.Weltkrieg fand in der Zeit vom 2. - 13. April 1946 statt. Vier Schüler begannen die Prüfung, ein Schüler wurde wegen eines groben Täuschungsversuches ausgeschlossen. Drei Schüler bestanden das Abitur mit dem Ergebnis "Bestanden". Die ersten Abiturienten wurden am 17. April in einer Feierstunde entlassen. Am 21. Mai 1946 erfolgte der Umzug wieder in das Gebäude am Külzplatz. Ab dem Jahr 1947, so wird berichtet, konnte der Unterricht wieder in allen Fächern erteilt werden, im Frühjahr 1947 wird der Gegenwartskundeunterricht neu aufgenommen. In jeder Woche sprach man in einer Deutschstunde über politische Fragen, auf Kollegiumssitzungen wurden zunehmend politische Themen wie "Die Verhältnisse in Russland vor und nach der Revolution" und "Die Stalinsche Verfassung" zum Gegenstand. Ab dem 2. April 1947 beginnt die Orientierung über "Wege zur demokratischen Einheitsschule".

Auch wird im Jahre 1947 an der Schule erstmals das Fach Russisch als verbindlich erteilt, ebenso wurden an minderbemittelte Schüler Unterrichtshilfen gezahlt, man bemühte sich, den Anteil der Arbeiter- und Bauernkinder zu erhöhen. Die Politisierung der Schule im kommunistischen Sinne nimmt ab 1948 zu, so wurde auf der Lehrerkonferenz im Januar neben Fragen der Leistungssteigerung, das Thema "Der politische Lehrer" behandelt. Der Versuch, im März/April 1948 einen von der FDJ unabhängigen Schülerrat an der Schule zu bilden, scheiterte, da die FDJ-Leitung der Schule dessen Unabhängigkeit nicht duldete. Am 29. September 1948 erfolgte die Auflösung des Lyzeums für Mädchen. Beide Schulen wurden zusammengelegt, so dass es nur noch eine Oberschule in der Stadt Aschersleben für Jungen und Mädchen gab. Ab 1949, so erfahren wir, tritt die FDJ aktiver in Erscheinung, es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den "reaktionären" Elementen der Schülerschaft, besonders mit dem Schülerrat. 1949 wurde auch erstmalig ein Elternrat gegründet. Das Schuljahr 1949/50 leitete einen neuen Entwicklungsabschnitt ein, denn mit der Gründung der DDR festigte sich die neue sozialistische Ordnung. Die Fächer Deutsch, Geschichte und Gegenwartskunde werden zunehmend zu politisch bestimmten Fächern. Die FDJ-Arbeit erlebte in diesem Schuljahr einen großen Aufschwung, es wird jedoch berichtet, dass einige Lehrer die Arbeit der FDJ zu hintertreiben versuchten. "Auch kirchliche Jugendverbände wollten den Einfluss der FDJ mindern." Durch die Vorbereitung und Teilnahme am ersten Deutschlandtreffen wurde die FDJ-Arbeit an der Schule wieder aktiviert. Über das Jahr 1950/51 erfahren wir, dass die Schule "immer mehr zu einem Organ der Arbeiter- und Bauernmacht wurde". Ab 1950/51 wird von einer kämpferischen Auseinandersetzung über die Umbenennung der Schule berichtet. "Die fortschrittlichen Kräfte wollten die Schule in Thomas-Müntzer-Oberschule umbenennen, während einige konservative Lehrer den alten Namen Stephaneum beibehalten wollten". Beim Lesen der Schulchronik fällt auf, dass an dieser Stelle das erste Mal der Name Stephaneum im Zusammenhang mit der Umbenennung gebraucht wird, ansonsten wird immer die Bezeichnung Oberschule verwendet, wie auch bei den Zeugnissen ab 1950. Eine sozialistische Schule unter dem Namen des Heiligen Stephanus, wodurch ein jahrhundertelanges Zusammengehen von Kirche und Staat dokumentiert wurde, war unter den neuen Verhältnissen vollkommen ausgeschlossen.

Da die Schule im Jahr 1951 noch "keine besonderen Leistungen" aufzuweisen hatte, genehmigte das Ministerium die Umbenennung noch nicht. Als Fortschritt, um die "besonderen Leistungen der Schule" aufzuweisen,so ist aus der Schulchronik zu erfahren, wird die Gründung der SED-Partei-Organisation bezeichnet. Am 19. März 1952 werden drei Schüler wegen antidemokratischer (gemeint sind antisozialistische) Tätigkeiten von der Schule verwiesen. Im Schuljahr 1952/53 erfolgten auch Versetzungen von Lehrern und die Einsetzung neuer. Die pädagogische Arbeit wird immer mehr von politischen Themen bestimmt. Bis zu 23 Sitzungen des Lehrerkollegiums im Jahr mit ausschließlich politischen Inhalten wurden durchgeführt. Im Jahre 1953 hatte das Stephaneum endlich die "besonderen" Leistungen erbracht, so dass man den Gedanken der Namensänderung als Antrag beim Ministerium für Volksbildung wieder aufnehmen konnte. Am 11. Juni 1953 wurde vom Pädagogischen Rat einstimmig der Beschluss gefasst, den Namen der Schule von Stephaneum in EOS "Thomas Müntzer" zu beantragen. Es ist zu vermuten, dass die Lehrer mit gegensätzlicher Meinung entweder entfernt waren oder sich der Übermacht beugten. Kurze Zeit später wurden drei kirchliche Jugendliche aus der Schule ausgeschlossen wegen reaktionärer Umtriebe, es ist anzunehmen im Zusammenhang mit dem Aufstand vom 17. Juni.

Am 13. Oktober 1953 erfolgte die Umbenennung der Schule in Thomas-Müntzer-Oberschule. Die Schule hatte sich während dieses Zeitraumes in eine durch Partei und FDJ bestimmte Anstalt entwickelt. Das Jahr 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August wird zum schicksalsschweren Jahr unseres Volkes, für die Schule bedeutete es ebenfalls einen Einschnitt. Wenn bis 1961 noch ein Tor zum westlichen Teil Deutschlands und damit zu Westeuropa und der Welt offenstand, das viele Bürger der DDR, auch Lehrer und Schüler der Oberschule, zur "Flucht in den Westen nutzten", fiel am 13. August 1961 endgültig der Eiserne Vorhang. Um den Mauerbau zu rechtfertigen, kam es zu ungeheuerlichen Aktivitäten in der politisch-ideologischen Arbeit an der Schule. In der Arbeitsentschließung der FDJ-Oberschulgruppe vom 5. Oktober 1961 lesen wir von folgenden Aktionen: Es wird sich verpflichtet, nicht mehr die "Sendestationen der NATO zu hören und zu sehen (auch nicht bei reinen Musik- und Sportsendungen)" und jeder Schüler liest die "Junge Welt" das Presseorgan der FDJ. Der ZSGL (Zentralen Schulgruppenleitung) und der FDJ-Leitung obliegt die Kontrolle. Der Pädagogische Rat legt am 12. Oktober einen ebensolchen Beschluss vor. Nach dem Bau der Berliner Mauer ist auch ein härteres Vorgehen der SED gegenüber allen mutmaßlichen Gegnern zu verzeichnen, was auch auf eine gewisse Unsicherheit hindeutet. An einer Erweiterten Oberschule in Anklam hatte es unter den Schülern Unruhe gegeben und das war Anlass, gegen jedwede Gruppenbildung vorzugehen.

"Der Verein zum Schutze der weiblichen Unschuld", von Schülern der Ascherslebener Oberschule in einem Ferienlager an der Ostsee gegründet, bekam durch den 13. August und in diesem Zusammenhang erfolgten "staatsfeindlichen" Äußerungen einiger Hauptbeteiligten politischen Charakter und wurde von den Organen der Staatssicherheit als illegale Gruppenbildung angesehen. Der Schulleitung und dem Lehrerkollegium wurde vorgeworfen, "in der sozialistischen Erziehung der Jugend versagt zu haben". Von den 22 Kolleginnen und Kollegen wurden zum 1. November 1961 neun an andere polytechnische Oberschulen oder an die Hilfsschule versetzt, darunter die gesamte SED-Parteigruppe, der Direktor und der Parteisekretär. Die vier mutmaßlichen Anführer der Schülergruppe verwies man von der Schule. Von nun an richtete die SED-Kreisleitung ihr besonderes Augenmerk auf die Erweiterte Oberschule "Thomas Müntzer", dies betraf besonders die Auswahl der Lehrer, die an dieser Schule unterrichten durften.