1961 - 1989 Erweiterte Oberschule "Thomas Müntzer"

Lehrerkollegium von 1978
Der Schulchor unter langjähriger Leitung von Martin Fehre
650 Jahre Gründung der Lateinschule Aschersleben

Der Zugang der Schüler aus der Polytechnischen Oberschule (POS) zur Erweiterten Oberschule (EOS) wurde durch ein Auswahlverfahren der Direktoren der POS und der Abteilung Volksbildung ermittelt. Bei dem Auswahlverfahren wurden vorwiegend die leistungsstärksten Schülerinnen und Schüler delegiert. In einem Jahrgang waren in der Regel durchschnittlich 120 Schülerinnen und Schüler, aufgeteilt in fünf Klassen. Schüler, die eine militärische Laufbahn beabsichtigten, wurden bevorzugt. Entsprechend der staatlichen und politischen Vorgaben wurde streng darauf geachtet, dass der prozentuale Anteil der Arbeiter- und Bauernkinder eingehalten wurde. Schülerinnen und Schüler, die konfessionell gebunden waren, hatten beim Übergang von der POS zur EOS häufig Schwierigkeiten, ebenso die Kinder von selbständigen Unternehmern, besonders Handwerkern. Die Schülerinnen und Schüler kamen nach der 8. Klasse zur EOS und absolvierten die vierjährige Abiturstufe. In den 70er Jahren wurde durch das Ministerium für Volksbildung der Versuch einer zweijährigen Abiturstufe gestartet. Dieser Versuch fand bei den Pädagogen keinen Anklang. Trotzdem wurde 1971 diese verkürzte Form der Abiturausbildung durchgesetzt. Die pädagogische Arbeit hatte in allen Klassenstufen einen hohen Stellenwert. Disziplin und Ordnung waren stets gegeben.

In regelmäßigen Abständen hospitierten Fachberater für einzelne Fächer im Unterricht der Lehrer. In einem Auswertungsgespräch erfolgte eine Beurteilung des Unterrichts und eine Beratung über mögliche Varianten und die Verbesserung desselben. Die Fachberater waren auch für die fachliche Weiterbildung der Lehrer verantwortlich. Die Unterrichtsplanung war durch einen zentralen Lehrplan in allen Fächern exakt festgelegt. Große Freiräume gab es im obligatorischen Unterricht nicht. Als Fremdsprachen wurden obligatorisch Russisch und Englisch unterrichtet. Das Zentralabitur stand im Mittelpunkt. Der Bereich des fakultativen Unterrichts (Wahlunterricht) war weit ausgelegt. Er enthielt folgende Angebote: Philosophie, Geschichte der Arbeiterbewegung, Sozialistische Wehrausbildung, Bildende Kunst, Chor, Deutsche Sprache und Literatur, EDV, Chemie, Mathematik, Elektrotechnik, Französisch, Latein (Grundwissen), Klub der Freundschaft, Russisch, Sport. Das schriftliche Abitur musste in folgenden Fächern abgelegt werden: Russisch, Deutsch, Mathematik und einer Naturwissenschaft. Die Abiturienten konnten in der mündlichen Prüfung in zwei bis fünf Fächern geprüft werden. Mit dem Fach "Wissenschaftliche-praktische Arbeit" in der Abiturstufe sollten die Schüler zur selbständigen wissenschaftlichen Arbeit befähigt werden. In Form von Kolloquien wurden die Ergebnisse verteidigt. Gruppen von drei bis sechs Schülerinnen und Schülern hatten jeweils einen betrieblichen Betreuer, der für die Aufgabenstellung verantwortlich war. Die pädagogische Absicherung erfolgte durch die Pädagogen der EOS.

Neben der Schulleitung gab es noch eine Parteileitung (SED) und eine zentrale FDJ-Leitung. Diese Gremien waren verantwortlich für die politische Struktur und Kontrolle, ebenso die Schulinspektoren der Abteilung Volksbildung. Das Parteilehrjahr fand für alle Kolleginnen und Kollegen regelmäßig in jedem Monat statt, die Teilnahme war Pflicht. Monatliche Mitgliederversammlungen der FDJ waren obligatorisch in den Klassen. In jeder Klasse gab es eine gewählte FDJ-Leitung, die für die Organisation der schulischen, politischen, kulturellen und sportlichen Aktivitäten verantwortlich war. Nur wenige Schüler der EOS waren kein Mitglied der FDJ. Alle männlichen Schüler der EOS mussten eine vormilitärische Ausbildung in einem zentralen GST-Lager absolvieren. Für die Mädchen wurde ein Lehrgang zur Zivilverteidigung durchgeführt. Die männlichen Schüler fuhren zur Ausbildung nach Breege bzw. nach Tambach-Dietharz. Besonders intensiv wurde die Werbung für den militärischen Nachwuchs der Nationalen Volksarmee betrieben.

Für die Schülerinnen und Schüler der 11. und 12. Klassen gab es eine Studienberatung in Zusammenarbeit mit den Universitäten und Hochschulen der DDR. Viele Professoren und Dozenten waren zu Gesprächsrunden und Diskussionen an der Schule. Im 12. Schuljahr wurden stets Abschlussfahrten durchgeführt. Ziele waren meistens die Länder Bulgarien, Ungarn und die CSSR. Seit 1958 gab es an der Schule einen großen gemischten Chor, der jährlich bei den Solidaritäts-Konzerten und bei vielen gesellschaftlichen Höhepunkten beachtliche künstlerische Leistungen zeigte. Der Chor der EOS war im Bezirk Halle anerkannt. Viele Auszeichnungen bestätigen das. Aus dem Schulchor sind namhafte Gesangssolisten wie Hans-Jürgen Wachsmuth und Babara Arland hervorgegangen. Besondere Verdienste bei der Leitung des Chores erwarb sich der Musiklehrer Martin Fehre. An der EOS spielte der Sport eine große Rolle. Regelmäßig wurden Vergleichskämpfe in der Region (Quedlinburg, Staßfurt, Egeln) durchgeführt. Viele Pokale und Urkunden wurden errungen. Bei den jährlichen Spartakiaden waren die Sportler der EOS immer in der Leitungsspitze dabei. Ein besonderes Ereignis für die "Thomas-Müntzer-Oberschule" war das Jahr 1975. In diesem Jahr wurde der 650. Jahrestag der Gründung der Schule begangen. Aus diesem Anlass wurden mit der Genehmigung der Deutschen Post ein Ersttagsbrief und ein Sonderstempel in der DDR herausgegeben, der Name Stephaneum wurde jedoch vermieden. Viele ehemalige Schüler nahmen an der Festveranstaltung im damaligen Haus des Handwerks in Aschersleben teil. Der ehemalige Schüler Karl Meyer gestaltete mit seinem Tanzorchester "Schwarz/Weiß" die musikalische Umrahmung.

Bis 1989 spielt Russisch als erste Fremdsprache eine wesentliche Rolle im Lehrplanwerk der allgemeinbildenden Oberschulen. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern wurde versucht, den Unterricht lebensnah, fördernd und fordernd zu gestalten. Alltagssituationen, Besuchsmöglichkeiten in der damaligen Sowjetunion, Briefwechsel, persönliche Kontakte mit Ingenieuren und Facharbeitern, die z. B. im damaligen Leichtmetallwerk Nachterstedt tätig waren und hier gewohnt haben, prägten unsere Kommunikationsabsichten und die Situationen im Unterricht und außerhalb. Die Schülerinnen und Schüler konnten spüren, dass Russisch für sie anwendbar war, u. a. auch bei Veranstaltungen im neuerbauten Schulclub, zum Beispiel bei Freundschaftstreffen mit sowjetischen Soldaten aus der Garnison Cochstedt, bei Schul- und Kreisolympiaden und Festen der russischen Sprache. Seit 1986 stand den Schülern und Schülerinnen der Schulclub zur Verfügung, hier erfolgten verschiedene Freizeitaktivitäten wie Schriftstellerlesungen, Konzerte, Diskussionen zu politischen und anderen Themen. In den 80-er Jahren entstand der Klub Junger Pädagogen als Vorbereitung auf den Lehrerberuf, für den aktiv geworben wurde. Schülerinnen und Schüler mit besonderer Begabung erhielten zeitweilig die Möglichkeit, anstelle des Abiturs schon die Sprachkundigenprüfung nach Klasse 12 abzulegen (ein spezielles Programm der Universität Halle war hierfür Arbeitsgrundlage). Allgemein kann festgestellt werden, dass sowohl die Teilnahme am Abitur in den vorgegebenen Fächern, vor allem aber der Unterricht im Klassenverband für alle die Möglichkeit bot, bis zum Ende der 12. Klasse eine hohe Allgemeinbildung zu erreichen, nicht jedoch eine breite Fremdsprachenausbildung.