Neuanfang & Zukunftsorientierung

Herr Giggel vom Verband ehemaliger Schüler des Stephaneums beim Pflanzen der Linde

Die friedliche Wende in der ehemaligen DDR war vollzogen. Man begann mit dem Aufbau neuer demokratischer Strukturen. Der Anfang wurde mit der Neubesetzung von Leitungspositionen im öffentlichen Dienst gemacht. So wurde die Schulleiterstelle der damaligen EOS neu besetzt. Zum ersten Mal in der Geschichte dieser Schule wurde eine Frau Schulleiterin. Der Anfang gestaltete sich alles andere als leicht. Zu DDR-Zeiten festgefügte Strukturen begannen sich aufzulösen. Das Abitur sollte wieder nach vier Jahren erlangt werden. Das bedeutete Verdopplung des Lehrerkollegiums und Explosion der Schülerzahlen. Nichts war vorbereitet. Am 24. August 1990 erfolgte die Berufung der Schulleiterin, am 27. August die erste Arbeitswoche. Alle Schüler verlangten nach Schulspeisung, das war zu DDR-Zeiten eine Selbstverständlichkeit. Die EOS "Thomas Müntzer" platzte buchstäblich aus den Nähten. Auch deshalb, weil immer neue Schüler um Aufnahme baten, deren Lehrstelle nicht mehr existierte, oder die aus den Klassen der Berufsausbildung mit Abitur kamen, welche aufgelöst wurden. Für die Schulleitung gab es damals einen Grundsatz. Die jungen Leute dürfen nicht zu Schaden kommen, sie dürfen nicht für die gescheiterte DDR verantwortlich gemacht werden.

3. Oktober 1990, Tag der deutschen Wiedervereinigung - an diesem denkwürdigen Tag für unser Land und auch für das Stephaneum pflanzten Lehrer, Schüler, ehemalige Schüler, Vertreter der Stadt Aschersleben sowie der Direktor des Gymnasiums Fallersleben gemeinsam eine Linde. Die Linde, die inzwischen von einem kleinen Bäumchen zu einem stattlichen Baum herangewachsen ist, steht als neues Symbol für das neue Stephaneum und für die friedliche Zukunft Deutschlands. Gestiftet wurde sie von der Stadt Aschersleben. Wenn es in kurzer Zeit gelang, die Schule organisatorisch in den Griff zu bekommen, einen geregelten Schulbetrieb herzustellen und darüber hinaus eine freundliche und hochmotivierte Atmosphäre des Neuanfangs herzustellen, dann ist es das Verdienst aller Beteiligten, sowohl der Schulleitung als auch des Lehrerkollegiums. Diese Zeit des Übergangs von der DDR-Einheitsschule zum differenzierten Schulsystem war wohl die schwerste, arbeitsreichste und komplizierteste Aufgabe. Es waren eine neue Schulorganisation einzuführen, demokratische Strukturen zu schaffen, die Unterrichtsinhalte neu zu bearbeiten, neue Mitwirkungsgremien und eine neue Konferenzordnung ins Leben zu rufen, die Tradition und Geschichte der Schule aufzuarbeiten und daraus eine neue zukunftsorientierte Konzeption zu entwickeln, ein neues Schulbuchprogramm zu erstellen, mit allen Erlassen, Verfügungen, Schnellbriefen, Rundbriefen usw. zu arbeiten, denn das Kultusministerium und die Regierungspräsidien befanden sich erst im Aufbau. Seit August 1991 gab es erst ein Schulreformgesetz (Vorschaltgesetz), dessen 1. Änderung im Dezember 1992 und die 2. Änderung im April 1993 in Kraft traten, mit dem 30. Juni 1993 wurde eine Neufassung des Schulgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt verbindlich. Im Rückblick erscheint diese Zeit trotz aller Schwierigkeiten als eine faszinierende Zeit von historischer Dimension.

Mit dem Jahr 1991 wurden im Land Sachsen-Anhalt das differenzierte Schulsystem, d. h. Gymnasium von Kl. 5 bis 12, eingeführt, ebenso das Kurssystem und die neue Punktebewertung in der Oberstufe. Das bedeutete eine weitere Explosion der Schülerzahlen und wieder neue Organisationsformen. Am 2. September 1991 wurden weitere vier Jahrgänge eingeschult. Die Einschulung von 559 Schülerinnen und Schülern in einem Jahr sowie eine Gesamtschülerzahl von 971 werden wohl eine Ausnahme in der Geschichte der Schule bleiben. Das Lehrerkollegium verdoppelte sich nochmals auf 68 Lehrerinnen und Lehrer, und das Gebäude der ehemaligen Stephanischule am Apothekergraben wurde das Haus II der Schule. Wiederum bedeutete das eine Herausforderung sowohl für die inhaltliche als auch für die organisatorische Gestaltung der Schule.

Besonders die Schülerinnen und Schüler waren es, welche die Rückbenennung der EOS "Thomas Müntzer" in "Stephaneum" forderten, der Verband ehemaliger Schüler des Stephaneums äußerte ebenso diesen Wunsch. Nach einer persönlichen Vorsprache im Kultusministerium und auf Beschluss der Stadtverordneten erfolgte die Rückbenennung der EOS "Thomas Müntzer" in "Gymnasium Stephaneum" am 1.Juli 1991. Der Abiturjahrgang 1991 erhielt das erste Zeugnis des Stephaneums. 1993 hatte sich die Schule so gut entwickelt, dass eingeschätzt werden konnte, alle Fachbereiche haben sich gut profiliert, die Schule hat zu einer Leistungsfähigkeit gefunden, die ihrem Namen Ehre machte. Über eine Neuprofilierung konnte nachgedacht werden. Als angemessene Fortsetzung der humanistischen Tradition der Schule erschien das Profil der Öffnung für ein zukünftiges Europa. Das Vorhaben der Regierung des Landes Sachsen-Anhalt, Europaschulen einzurichten, wurde von der Schulleitung zum Anlass genommen, eine Konzeption zur Profilierung als Europaschule zu erarbeiten. Lehrerkollegium, Elternrat und Schülerrat stimmten dieser zu, so dass eine Bewerbung zum Modellversuch erfolgen konnte. Der Modellversuch konnte am 17. April 1997 mit der Verleihung des Status "Europaschule - Schule mit europäischer Orientierung" erfolgreich abgeschlossen werden.

Europaschule Gymnasium Stephaneum

Der 17. April 1997 - ein besonderer Tag in der Geschichte des Stephaneums
Nach vierjähriger erfolgreicher Arbeit der Profilierung als Schule mit europäischer Orientierung erhielt das Stephaneum vom Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt den Titel Europaschule verliehen und gehört zu den zwölf Europaschulen des Landes. Neben den allgemeinen Kriterien weist jede Europaschule noch schulformbezogene und typische, nur für diese Schulen erarbeitete, Merkmale auf, die Europaschulen grundsätzlich von anderen Schulen unterscheiden, so auch das Stephaneum. Das Hauptfeld der Bildungs- und Erziehungsarbeit ist der Unterricht. Die Rahmenrichtlinien für die einzelnen Unterrichtsfächer wurden von den Fachschaften so aufbereitet, dass europaorientiertes Lernen möglich wird, teilweise wurden auch Ergänzungen erarbeitet und neue Unterrichtsmittel geschaffen, zunehmend werden der fächerübergreifende Unterricht, Projekttage und -wochen genutzt.

Einen großen Raum nehmen der Internationale Projektgebundene Schüleraustausch, Schulpartnerschaften, Studienfahrten und Exkursionen ein. Im Rahmen des COMENIUS-Programms werden internationale Projekte bearbeitet. Das Stephaneum arbeitet seit 1993 mit dem Dollard College in Winschoten/Niederlande zusammen und seit 1995 auf der Grundlage des COMENIUS-Programms der Europäischen Union zusätzlich mit der Hellerud Videregaende Skole Oslo/Norwegen. Seit März diesen Jahres besteht eine weitere Schulpartnerschaft mit der Complex Cultural I Esportiu Collegi Montessouri-Palau in Girona/Spanien. Während des Schüleraustausches sind die Schüler in den Gastfamilien untergebracht und arbeiten gemeinsam an interessanten Projekten wie z. B.: Straße der Romanik, Talsperrensystem im Harz, Kanalsystem in den Niederlanden, Mittelalter und Zeit der Wikinger in Norwegen, Norwegen ein Wintersportland, Industrie und Bergbau verändern Menschen und Regionen, Bergbau in Norwegen und Deutschland. In Winschoten findet in jedem Jahr während des Schüleraustausches eine internationale Jugendkonferenz statt, an der neben Schülern aus Aschersleben und Winschoten Schüler aus Italien, Frankreich, Belgien und England teilnehmen.

Die offizielle Sprache während des Schüleraustausches ist Englisch. Es ist selbstverständlich, dass bei jedem Schüleraustausch Betriebe, Institutionen, Sehenswürdigkeiten, Ausstellungen und Museen besucht werden und die Schüler die Besonderheiten der Region kennenlernen. Neben der Arbeit an den Projekten lernen die Schüler das alltägliche Leben im anderen europäischen Land kennen, machen sich mit Sitten, Gebräuchen und Traditionen bekannt, überwinden so Vorurteile und üben Toleranz gegenüber Andersartigem. Der besondere Wert des Schüleraustausches liegt auch in der Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse. Neben dem Schüleraustausch in den 11. Klassen finden an unserer Schule regelmäßig Studienfahrten statt. Die Schüler der achten Klassen fahren nach London/England, die Schüler der neunten und zehnten Klassen nach Toulouse bzw. Fronton/Südfrankreich. Seit Juni 1997 gibt es zwischen den Partnerschulen curriculare Zusammenarbeit in den Fachbereichen Chemie, Sprachen, Medienkunde, Kunst, Wirtschaft und Soziologie. In den Partnerschulen arbeiten die Schüler an einem gemeinsamen Thema dieser Fachbereiche und kommunizieren über das Internet. Internationale Lehrerkonferenzen dienen dazu, diese anspruchsvolle Zusammenarbeit noch weiter auszubauen.

Einen besonderen Stellenwert nimmt an den Europaschulen der Fremdsprachenunterricht ein. An unserer Schule werden die Fremdsprachen Englisch, Französisch, Latein und Russisch angeboten, ein weiteres Ziel besteht im Angebot von Spanisch und Italienisch. Zur Unterstützung des Fremdsprachenunterrichts waren am Stephaneum bereits drei Fremdsprachenassistentinnen aus Frankreich, England und Russland tätig. Die Teilnahme am Europäischen Wettbewerb ist an unserer Schule eine Selbstverständlichkeit. Das Stephaneum versteht sich als Zentrum für europäische Begegnung, die Landesmoderation für das COMENIUS-Programm geht von unserer Schule aus, auch wurden bereits drei Juniorpartner, die Grundschule Pfeilergraben in Aschersleben, die Sekundarschule Arendsee und das Richard-von-Weizäcker-Gymnasium Thale von uns angeleitet, außerdem arbeitet die Schulleiterin in der Landesfachgruppe Europaschulen beim Kultusministerium mit. Europaorientierte Veranstaltungen, Vorträge, Fortbildungen und Begegnungen werden von Lehrern und Schülern ebenso genutzt, wie Kontakte zu Europaabgeordneten und Institutionen des Europäischen Parlaments.

Mit dem Schuljahr 1999/2000 wurde am Stephaneum das Fach Europakunde eingeführt. Zunehmend nutzen Abiturienten den Europäischen Freiwilligendienst nach dem Abitur, wozu durch den schulfachlichen Koordinator alljährlich Beratungen stattfinden. Ebenso besteht an unserer Schule die Möglichkeit der Berufs- und Studieninformation innerhalb Europas. Das Gymnasium Stephaneum ist als Koordinationsschule in die Europaschulen der Bundesrepublik Deutschland integriert und unterhält enge Kontakte zum Pädagogischen Austauschdienst Bonn, ebenso gehört unsere Schule zum Netzwerk Europaschulen des Landes Sachsen-Anhalt. Durch den Anschluss an das Internet kommt unserer Schule die Funktion der Bündelung aller Homepages der Europaschulen des Landes Sachsen-Anhalt zu. Schulleitung, Projektleitung und Lehrerkollegium engagieren sich in zunehmendem Maße für die Europaprofilierung unserer Schule, wir haben erkannt, dass diese Arbeit für die Zukunftsorientierung unserer Schüler von großer Bedeutung ist.